Die vielen Gesichter des Profisprechens

“Du hast so eine tolle Stimme, willst Du nicht Synchronsprecher*in werden?”

Mit diesem Satz von Freund*innen, Bekannten oder Familienmitgliedern fängt meistens alles an. Du beginnst, über die Wirkung Deiner Stimme nachzudenken, bemerkst immer häufiger, dass sie einen gewissen Effekt auf andere hat und hast vielleicht sogar eine intrinsische Freude daran, mit ihr zu spielen. Du liest gerne vor, kannst gut andere Leute nachmachen oder spielst gerne Theater.

Und eines Tages denkst Du Dir: Synchronsprechen, das muss doch ein geiler Job sein. Das kann ich bestimmt. So zumindest war es bei mir. Ich wurde schon in der Schule für mein gutes Vorlesen gelobt, erzählte meinen Freund*innen bei Übernachtungspartys Gute-Nacht-Geschichten, spielte im Schultheater mit. Mein praktisches Bachelor-Abschlussprojekt war eine Hörspiel-Installation. Und als ich den Abschluss dann hatte, wollte ich unbedingt auf diesem Weg weitermachen.

Natürlich war mir klar, dass ich den Job nicht einfach so anfangen würde. Man braucht doch für alles eine Ausbildung und das aus gutem Grund. Und da ich schon seit einigen Jahren klassischen Gesangsunterricht hatte, wusste ich auch, was mit einer Stimme passieren kann, wenn man sie trainiert.
Was ich aber nicht gedacht hätte, ist, dass ich nicht als Synchronsprecherin aus der Sprecherausbildung Mediensprechen hinausgehe. Und dass ich damit sogar sehr zufrieden sein würde.

Keine Sorge, ich will Dich nicht er- oder noch schlimmer abschrecken. Ich möchte Dir im Gegenteil von etwas sehr Wichtigem erzählen: Von der persönlichen Entwicklung, die man im Rahmen dieser Ausbildung durchläuft.

SPRECHEN IST NICHT GLEICH SYNCHRONSPRECHEN: ÜBER DIE VIELEN OPTIONEN, MIT STIMME ZU ARBEITEN

Fangen wir am Anfang an: Wenn man eine gute Stimme hat, ist der erste Gedanke, der mir in den Kopf kommt (oder per Lob von außen dort hineingepflanzt wird), dass man damit ja auf jeden Fall Synchronsprecher*in wird. Vielleicht noch Radiomoderator*in. Und da hört es meist schon auf.

In Wirklichkeit sind aber zwei Aspekte gegeben, die man als Laie nicht wissen kann:

  1. Es gibt noch viel, viiiiel mehr Berufe und Bereiche, die eine ausgebildete Stimme erfordern.
  2. Nur, weil Deine Stimme schön ist und Du sie verstellen kannst, heißt das nicht, dass Du perfekt fürs Synchronsprechen geeignet bist.

Aber das – und darum geht es mir hier – ist nicht schlimm. Im Gegenteil.

Es gibt viele Ausbildungsinstitute, die versprechen Dir den kurzen Weg ins Synchronstudio. “Komm zu uns und wir machen Dich zum Synchronsprecher” heißt es da. Das klingt verlockend… Ist meiner Meinung nach aber nicht stimmig. Es suggeriert in einem Berufsfeld, in dem Spezialisierung nach persönlichen Fähigkeiten super wichtig ist, dass es ein Schema F gibt, dem jede*r folgen kann.

STIMME IST NICHT GLEICH STIMME: ÜBER DIE WICHTIGKEIT, DIE EIGENEN STÄRKEN KENNEN UND LIEBEN ZU LERNEN

Als ich meine Sprecherausbildung beim Sprechstil Atelier (heute [rezonant]) angefangen habe, hatte ich mich zwar bewusst für eine ganzheitliche Ausbildungsform entschieden. Ich dachte aber immer noch, dass ich das mache, um Synchronsprecherin zu werden.

Je mehr Körper-, Atem-, Stimm- und Artikulationsübungen wir lernten, je mehr verschiedene Klangerlebnisse ich hatte, desto mehr bemerkte ich auch neue Grenzen und Fähigkeiten an mir. Plötzlich machten mir die Textgattungen, die ich doch vermeintlich am besten können sollte, die größten Schwierigkeiten. Gleichzeitig entdeckte ich plötzlich, dass Werbung ein Bereich war, der mir viel mehr zufiel.

Am Ende der Ausbildung stand auf meinem Schlussfeedbackbogen “…”

Und ich, die heute noch zu hören bekommt, sie hätte doch mal Synchronsprecherin werden sollen, war und ist zufrieden mit dieser Entwicklung.
Warum?

Weil es gut tut, festzustellen, dass Schema F nicht der eine Weg ist. Nach der Ausbildung hatte ich eine neue Klarheit, einen neuen Startpunkt, von dem aus ich mich entwickeln konnte.

 

Schlussendlich bin ich Texterin geworden. Die Sprecherausbildung hilft mir aber auch in diesem Beruf sehr oft weiter. Sei es am Telefon, sei es in Interviewsituationen, sei es in Bezug auf meine Haltung mir selbst gegenüber.

Allen, die mit dem Gedanken an eine Ausbildung spielen, möchte ich hiermit Mut machen: Du findest Deinen Weg. Deine Stimme wird gebraucht – vielleicht in der Werbung, vielleicht in der Audiodeskription, vielleicht in Dokumentationsformaten oder im Radio, vielleicht in Hörbuchverlagen, in Podcasts. Und ja – vielleicht auch im Synchronstudio. Das wirst Du sehen.

Ich wünsche Dir viel, viel Spaß
beim Entdecken Deiner Potenziale!

Esther Jansen, Krefeld, Marketing, Texterin